Ahlhorn – Die Dietrich Bonhoeffer Klinik in Ahlhorn wird ihren Betrieb zum 30. Juni 2026 endgültig einstellen. Damit entfallen 60 der bundesweit bislang 85 spezialisierten Reha-Plätze für abhängigkeitserkrankte Kinder und Jugendliche in Deutschland. Grund für die Schließung ist weiterhin die fehlende auskömmliche Finanzierung durch die Deutsche Rentenversicherung (DRV). Trotz zahlreicher Gespräche mit Kostenträgern, Politik und Fachvertretern konnte bis zum Ablauf der gesetzten Frist keine tragfähige Lösung erzielt werden. Aus Sicht der Leinerstift Gruppe zeigt sich die Deutsche Rentenversicherung weiterhin nicht bereit, die besonderen Bedarfe abhängigkeitserkrankter Kinder und Jugendlicher anzuerkennen und entsprechend zu refinanzieren. „Die Deutsche Rentenversicherung trägt die Grundsatzfrage, ob und inwiefern sie sich an Angeboten beteiligt, die nicht nur klassischen Reha-Leistungen zuzuordnen sind, derzeit auf dem Rücken der Dietrich Bonhoeffer Klinik und damit auf dem Rücken abhängigkeitserkrankter junger Menschen aus“, erklärt Wolfgang Vorwerk, Vorstand der Leinerstift Gruppe, „die Schließung der Klinik erfolgt nicht aufgrund fehlender Bedarfe – sondern weil diese Bedarfe im bestehenden System nicht angemessen anerkannt und finanziert werden.“ Die verbliebenen 18 Patientinnen und Patienten der Klinik werden ihre laufende Rehabilitation vollumfänglich abschließen können. Die geringe Belegung ist Folge des von der Deutschen Rentenversicherung verhängten Aufnahmestopps nach Bekanntgabe der drohenden Schließung.
Verantwortung gegenüber den jungen Menschen
Die Leinerstift Gruppe hat sich – trotz aller Bemühungen um den Erhalt der Klinik – frühzeitig auf den möglichen Ausgang vorbereitet, dass keine Einigung erzielt werden könnte. Aus der Verantwortung gegenüber den betroffenen jungen Menschen und ihren Familien heraus wurde deshalb bereits in den vergangenen Wochen an einem alternativen Versorgungskonzept gearbeitet. „Wir wollten die Patientinnen und Patienten und die betroffene Zielgruppe nicht im Stich lassen“, so Vorwerk. „Aus unserer täglichen Arbeit wissen wir, wie groß die Versorgungslücke für abhängigkeitserkrankte junge Menschen in Deutschland ist. Deshalb war für uns klar: Wenn die Klinik nicht erhalten werden kann, müssen wir versuchen, zumindest Teile der aufgebauten Expertise und Versorgung am Standort Ahlhorn weiterzuführen.“ Ab dem 1. Juli 2026 sollen deshalb am Standort Ahlhorn therapeutische Wohngruppen für abhängigkeitserkrankte Kinder und Jugendliche entstehen. Geplant sind insgesamt 21 Plätze in drei altersdifferenzierten Gruppen. Das Angebot richtet sich an junge Menschen mit stoffgebundenen oder nichtstoffgebundenen Abhängigkeitserkrankungen, die intensive pädagogische und therapeutische Unterstützung benötigen.
Neues Angebot kann Klinik nicht ersetzen
Gleichzeitig macht die Leinerstift Gruppe deutlich, dass das neue Angebot die bisherige vollstationäre Reha-Klinik nicht ersetzen kann. „Die Versorgung in der Klinik mit therapeutischer, medizinischer und pädagogischer Begleitung aus einer Hand war fachlich das Optimum“, erklärt Vorwerk. „Das neue Modell ist eine Einzellösung, um zumindest einen Teil der Expertise und Unterstützungsmöglichkeiten für suchterkrankte junge Menschen zu erhalten. Es ersetzt aber keine bundesweit funktionierende Rehabilitationsstruktur.“ Der Schwerpunkt des zukünftigen Angebots wird stärker auf der pädagogischen Versorgung im Rahmen der Jugendhilfe liegen. Die Finanzierung erfolgt künftig über Leistungen nach dem SGB VIII durch die zuständigen Jugendämter und damit letztlich über die Kommunen. Dadurch verschiebt sich nicht nur die Finanzierungsverantwortung, sondern auch die Zielgruppe des Angebots: Für die Aufnahme in die Wohngruppen müssen die jungen Menschen deutlich stabiler sein als für die Aufnahme in eine stationäre Rehabilitationsklinik. Akute Entzugssymptomatiken oder schwere psychiatrische Krisen können im Rahmen des neuen Angebots nicht versorgt werden. „Das bedeutet leider auch: Für besonders schwer erkrankte junge Menschen bleibt die Versorgungslücke bestehen – und sie wird durch die Schließung der Klinik sogar größer“, so Vorwerk weiter. „Wir bauen in Deutschland faktisch Versorgung ab, obwohl die Zahlen bei Suchterkrankungen und insbesondere beim Konsum harter Substanzen unter jungen Menschen steigen.“
Ambulante Kooperation mit dem Klinikum Oldenburg geplant
Um zumindest weiterhin medizinische und therapeutische Unterstützung am Standort anbieten zu können, arbeitet die Leinerstift Gruppe derzeit am Aufbau ambulanter Versorgungsstrukturen. Für die kinder- und jugendpsychiatrische Begleitung gibt es bereits eine Zusage zur Zusammenarbeit mit der kinder- und jugendpsychiatrischen Abteilung des Klinikums Oldenburg. Parallel laufen Gespräche mit Fachkräften, Kooperationspartnern, Betroffenen sowie dem Landkreis Oldenburg, um ein Angebot zu entwickeln, das sich möglichst eng an den tatsächlichen Bedarfen der jungen Menschen orientiert.
Weiterhin auf Unterstützung angewiesen
Der Umbau der bisherigen Klinikstrukturen sowie der Aufbau des neuen Angebots sind mit erheblichen Kosten verbunden. Die Leinerstift Gruppe weist deshalb darauf hin, dass weiterhin finanzielle Unterstützung benötigt wird. „Spenden helfen uns dabei, die notwendigen Umbauten und den Aufbau der Wohngruppen umzusetzen und auch künftig ein spezialisiertes Angebot für abhängigkeitserkrankte junge Menschen vorzuhalten“, erklärt Vorwerk. „Darüber hinaus ermöglichen Spenden den jungen Menschen Erfahrungen, Förderangebote und Perspektiven, die über die reine Finanzierung der Kostenträger hinausgehen.“ Die Leinerstift Gruppe bedankt sich ausdrücklich für die breite gesellschaftliche Unterstützung der vergangenen Wochen – von Fachverbänden, Initiativen, Experten, politischen Vertreterinnen und zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern. „Die enorme Solidarität zeigt uns, dass die Gesellschaft den Bedarf sieht“, so Vorwerk abschließend. „Jetzt braucht es endlich auch ein Versorgungssystem, das dieser Realität gerecht wird.“
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